Apulien lockt mit kristallklarem Meer, würzigem Wein und Staufer-Kastellen. Eine Liebeserklärung an Italiens tiefsten Süden – aufregender als die Toskana und längst nicht so überlaufen
Ein Sonntag im August in der Küstenstadt Trani. Das goldene Sonnenlicht und das dunkelblaue Meer lassen die Kathedrale leuchten. Festtagsstimmung knistert rund um das Gotteshaus, das aus dem Meer zu wachsen scheint, so nah ist es ans Ufer gebaut. Von weitem wirkt die Bischofskirche aus dem 11. Jahrhundert wie eine klassische, italienische Schönheit, mit reich bebilderten Relief-Bronzetüren und Fensterrose. Doch kommt man dem cremefarbenen Bauwerk näher, tauchen in der verwitterten Fassade Elefanten auf, Leoparden und orientalische Ornamente, alles Grüße aus einer byzantinischen und persischen Vergangenheit. In der Krypta kleiden sich gerade die Chorjungen ein für ein Konzert auf dem Platz. Als ich vorbeigehe, pfeifen sie mir hinterher, der Priester ist entrüstet. Willkommen in Süditalien!
Aus der Apsis schallt der Gottesdienst, ein geöffnetes Fenster zieht den Blick hinaus aufs Meer. Die Adria sieht aus wie ein Infinity-Pool: so unendlich, als wollte das Wasser am Horizont über eine Kante schwappen. Dann kriecht die Prozession aus der Kirche: eine Kapelle. die Stadtoberen, der Knabenchor, ein Junge, der eine Heiligenfahne trägt. Ein Feuerwerk schießt in den Abendhimmel, am Hafen drängelt sich das ganze Dorf. Viele Urlauber aus Italien feiern mit, aber kaum Touristen. In der Toskana undenkbar ...
Apulien zieht sich 500 Kilometer an der ionischen und adriatischen Küste entlang, die Landschaft ist geprägt von Kalksteinfelsen und trockenem, aber fruchtbarem Ackerland. Es bildet den Absatz – oder besser den Stiletto – von Italiens Stiefel. Die Türkei, Griechenland und Nordafrika sind nur einen Katzensprung übers Wasser entfernt. Diese Nachbarn – und weiter entfernte Völker – haben Apulien über die Jahrhunderte immer wieder besetzt und dabei einen einzigartigen Kulturenmix hinterlassen. Das fällt einem sofort an der Architektur auf, die abwechslungsreicher ist als anderswo. Kalkweiße Dörfer, wie aus Griechenland importiert, liegen nur wenige Kilometer entfernt von Orten in reinstem Bourbonen-Barock; normannische Kathedralen, Kastelle und maurisch inspirierte Gebäude stehen in der Nähe von den charakteristischen trulli, den Rundhäusern mit den Zipfeldächern
In den letzten Jahren haben die Norditaliener Apulien als Urlaubsziel entdeckt und das, obwohl sie sonst eher herablassend Richtung Süden blicken. Aber die Strände sind in Apulien nun mal schöner als im Norden – ein Argument, das sogar den feinsten Mailänder überzeugt. Auch vereinzelte Deutsche und Engländer brechen bereits aus der Toskana-Karawane aus und ziehen gen Süden. Hier stehen sogar noch Landsitze und Olivenhaine zum Verkauf, zu einem Bruchteil der Preise, die in der Toskana verlangt werden. Delikatessen wie die burrata (die apulische – und supersahnige! – Antwort auf Mozzarella) haben es schon auf New Yorker Speisekarten geschafft. Auch der hiesige Wein zählt zu den Aufsteigern – allen voran der Primitivo, der jahrelang als billiger Verschnittwein in die Toskana verkauft wurde, aber viel besser schmeckt, als er klingt. Im Zuge des Apulien-Trends hat sich eine neue Generation von Hotels etabliert, sogar auf Fünf-Sterne Niveau. Am originellsten sind die geschmackvoll renovierten masserie, mittelalterliche Landsitze.
Bari ist der optimale Ausgangspunkt für eine Tour durch Apulien. Im Hafen des lang gestreckten Küstenstädtchens brummte im 12. Jahrhundert der Handel wie in Venedig. Heute legen hier die großen Fähren ab nach Griechenland, Ägypten und in den Libanon. Im Gewirr verwinkelter Gassen mit ihren ren abblätternden Fassaden kann man sich wunderbar treiben lassen (und, zugegeben, auch verlaufen).
Die masserie liegen einige Kilometer im Landesinneren, meist inmitten von Olivenhainen, von Feigen-, Orangen- und Zitronenbäumen umgeben. Die großzügigen Anlagen aus dem 15. Jahrhundert haben genug Platz gelassen für Swimmingpools, Spas und Kochschulen. Nach einer Nacht in der luxuriösen "Masseria San Domenico" bei Fasano geht es für einige Tage in die "Masseria Torre Coccaro", eine Gruppe von weißen Gebäuden mit rostfarbenen Fensterläden, an den Ecken üppige Bougainvillea-Büsche. Auch eine rosa getünchte Kirche aus dem 18. Jahrhundert gehört zum Ensemble. Den Morgen verbringe ich im hauseigenen "Beach Club", einer manikürten Enklave mit weißen Sonnensegeln, Strohschirmen und Holzliegen am Sandstrand. Von meinem Deckchair aus beobachte ich die Sonnenhungrigen am Strand nebenan: Es sind hunderte! August ist Italiens Badesaison. Gebräunte Beautys paddeln in Plastikbooten vorbei, Kleinkinder plantschen am seichten Ufer. Teenager planen den Abend mit ihren cellulari, deren Klingeltöne die italienischen Hitparaden hoch und runter piepsen. Das Erstaunliche daran: Der Trubel nervt nicht.
Nach dem Mittagessen treibt die Hitze alle zu einer ausgiebigen Siesta. Ich fahre im — klimatisierten — Wagen durch die verschlafenen Hügelstädtchen Locorotondo und Cisternino. Die Landstraße säumen Mandel- und Olivenbäume. Wilde Kapernbüsche wuchern an uralten Ackermauern, man möchte am liebsten aussteigen und ein paar der pikanten Knospen fürs nächste vitello tonnato klauen, wäre es nicht so heiß.
Ostuni taucht vor mir auf, die „weiße Stadt" mit ihren gekalkten Häusern. Sie bietet einen spektakulären Meerblick. Weiß und Blau? Fühlt sich an wie Griechenland. Rund um den Glockenturm bauen die Wirte Tische auf, der Platz füllt sich. Ich bleibe bis Mitternacht. Friedrich II., deutscher Kaiser und König von Sizilien, hat die Architektur Apuliens geprägt. Bereits als 26-Jähriger regierte der fließend arabisch sprechende Staufer das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, doch seine Heimat Apulien blieb sein Lebensmittelpunkt, wo der hoch gebildete Kosmopolit 69 castelli und 42 Kathedralen errichten ließ. Massiv und imposant sein ewig mysteriöses Castel del Monte auf einem Hügel über einer einsamen Hochebene. Schon Kilometer vorher scheint einem das helle Bauwerk entgegen: ein Oktagon, dessen acht Seiten und acht Türme einen achteckigen Hof umschließen. Hinein führt nur ein kleiner Eingang, es gibt keinen Graben, keine Soldatenunterkünfte, keine Küche. Der Ort taugt nicht als Festung, nicht mal als Landsitz. Die isolierte Lage und die ausgeklügelte Geometrie haben Generationen von Forschern beschäftigt. Wozu das castello dienen sollte, bleibt bis heute ein Rätsel. Auf der Rückreise aus dem Mittelalter habe ich die Straßen für mich allein.
Nicht so am nächsten Tag. Wuselig und lebhaft begrüßt mich das barocke Städtchen Martina Franca, in dem mittwochs ein Wochenmarke stattfindet. Pfirsiche türmen sich neben duftenden Zitronen und Auberginen zu 50 Cent das Kilo. Ein Stand verkauft barattiere, ein Gurken-Melonen-Hybrid, der nur nur hier wächst und als Salat mit Zwiebeln und Oregano oder mit Tomaten und Ricotta zu Pasta gegessen wird. Die Einheimischen stehen Schlange für capocollo, eine mit reichlich Cayenne gewürzte Rauchwurst.
Lecce ist das Tor zur Halbinsel von Salent: Die Baufälligkeit des Städtchens hält den Überschwang der barocken Formen im Zaum. Die eigensinnige Architektur Apuliens wird auch hier wieder deutlich: Der Dom steht nicht wie sonst im Zentrum und sein campanile ist viel zu hoch. Von hier ist es nicht weit zum Kap, an dem sich Ionisches Meer und Adria treffen. Die Strände rauben einem den Atem: weißer Sand und türkisfarbenes Wasser, auf dem die Segelboote schweben. Im Örtchen Otranto ist jeder Stein am Pier mit Sonnenbadenden belegt, doch die Hauptattraktion ist menschenleer. So kann ich das riesige Fußbodenmosaik der Kathedrale in Ruhe bewundern: ein Lebensbaum als bildgewaltige Enzyklopädie von Adam und Eva über Alexander den Großen bis zu König Arthur. (…)
ÜBERNACHTEN
Privatsuite im Orangenhain
Masserie San Domenico 5-Sterne-Resort bei Torre Canne, mit 18-Loch-Golfplatz, Thalasso-Spa und riesigem Naturpool. DZ ab 300 Euro, (…).
Masserie Torre Coccaro Bei Savelletri, mit Privatstrand, Wellness-Center und Kochkursen. Extra-Suite im Orangenhain mit Pool. DZ ab 240 Euro. (…).
Weitere Hotels und Masserie über die Internet-Führer (…) www.apulien-reisen.de. (…)
APULIENS BESTE WEINGÜTER
Die Würze des Südens
Tormaresca Hier investierte das toskanische Weinimperium Antinori in Malvasia, Primitivo und Negroamaro. 350 Hektar Reben nahe Brindisi. (…) Masseria La Corte Der Libanese Vahe Keushguerian setzt mit seinen Rotweinen aus Novoli derzeit Standards. (…)
Leone de Castris In der bekannten DOC Salice Salentino gelegenes, herrschaftliches Anwesen mit Kellerei seit dem 17. Jahrhundert. (…)
Masseria Fatalone Preisgekrönt ist der Primitivo aus Gioia del Colle in der Region Murgia mit seinen Aromen von Kräutern, Kirschen und Pfeffer. (…)
Auszug aus: myself, JULI 2006, S. 188 – 192, Verfasser: Ondine Cohane