Apulien will nicht länger süditalienisches Armenhaus sein. Die Region setzt auf Agriturismo: Olivenölproduktion trifft auf Hotellerie.
Volkswagenwerk Wolfsburg steht auf der braungrauen Wolldecke. Der Anblick setzt eine Kette von Assoziationen in Gang: Gastarbeiter, Sammelunterkunft, Wirtschaftswunder, drei kleine Italiener, die kamen aus... Nein, der kam nicht aus Napoli, der kam aus Alberobello in Apulien. Die Decke hängt zum Auslüften vor einem Trullo, einem jener runden, spitzen Steinhäuser, die man überall auf dem Stiefelabsatz Italiens findet als Schuppen und Unterstände in Olivenhainen und Weinbergen oder als kleine Gehöfte. Alberobellos historischer Teil besteht ausschließlich aus Trulli. Das ist einzigartig, und deshalb gehört Alberobello seit 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe. Daran wird der Besitzer der Wolfsburger Wolldecke nicht gedacht haben, als er sich wie viele tausend seiner Landsleute nach Norden aufmachte in das dunkle Land jenseits der Alpen, um in den großen Fabriken bei Volkswagen, Benz oder Opel Arbeit zu finden. Sie bauten Autos, deren deutsche Besitzer in den Ferien die Alpen in umgekehrter Richtung überquerten und die Strände der Adria bevölkerten. Bis nach Apulien hinunter kamen sie fast nie.
Alberobello steckte in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als die Arbeits-Emigranten sich auf den Weg machten, fast noch im Mittelalter. Esel dösten vor den Häusern, und barfüßige Kinder spielten auf der Straße. Man sieht das auf den historischen Fotografien, die in Alberobello in fast jedem Haus neben anderen Souvenirs, landestypischen Spezialitäten, Keramik und Schmuck angeboten werden. Die Armut war nicht malerisch. Sie trieb die Leute aus dem Land - von dem viele aber doch nicht loskamen. Als Rentner kehrten sie zurück. Im Italienischen gibt es für das Wort "Heimatgefühl" keine Entsprechung. Der Aufschwung, den Apulien zurzeit erlebt, hat jedoch sicher mit so etwas wie Heimatgefühl zu tun. Apulien soll nicht mehr als Teil eines süditalienischen Armenhauses wahrgenommen werden, sondern als eine europäische Region, in der der Dreiklang Kultur, Landwirtschaft und Natur zu jener gesteigerten Lebensqualität führt, die das Europäische an Europa ausmacht. Apulien, daran arbeiten die Pugliesen, soll in die erste Liga europäischer Traumlandschaften aufrücken, in Augenhöhe mit der Toskana, dem Piemont oder Burgund. Für wohlhabende Norditaliener ist Apulien heute schon das, was die Toskana für die deutsche Toskana-Fraktion darstellt: eine Projektion des guten Lebens.
Landschaften, die mit Blut, Schweiß und Tränen gedüngt sind, werden zum kostbaren historischen Erbe und so zur erneuerten Lebensgrundlage gegenwärtiger Generationen. Auch die lustigen Trulli zeugen ja nicht davon, dass es in dem Landstrich immer besonders lustig zuging. Über die Entstehung Alberobellos werden viele Geschichten und Legenden erzählt. Eine erscheint besonders plausibel, weil sie zwei Grundtatsachen beleuchtet, von denen die Geschichte Apuliens jahrhundertelang bestimmt war: die Bedrohung von außen und die Feudalherrschaft auf dem Land. Nach dieser Version erhielt Gian Girolamo II. di Acquaviva, der Graf von Conversano, Ende des 15. Jahrhunderts vom König das brachliegende Valle d'Itria als Lehen. Ihm wurden damit seine Verdienste bei der Abwehr der türkischen Invasion vergolten. Der Graf siedelte Bauern in dem fruchtbaren Tal an. Für die Gründung fester Siedlungen aber hätte er hohe Steuern zahlen müssen. Deswegen durften seine Hintersassen nur Steinhäuser ohne Mörtel bauen, die durch das Herausnehmen des Schlusssteins beim Auftauchen von Steuerinspektoren ohne großen Aufwand in einen Steinhaufen verwandelt werden konnten. Was die Bedrückung durch die Türken für das Land bedeutete, davon kann man ein Stück südöstlich von Alberobello, in dem malerischen Hafenstädtchen Otranto, einen Eindruck gewinnen. In der Kathedrale Santa Maria Annunziata, einem grandiosen Zeugnis der apulischen Romanik, sind in der Kapelle der Märtyrer die Gebeine von 800 Einwohnern der Stadt aufbewahrt, die der türkische Kriegsherr umbringen ließ, weil sie sich weigerten, dem christlichen Glauben abzuschwören.
Das Erbe der Bedrohung durch Sarazenen und Türken und des feudalen Großgrundbesitzes steckt auch in einer weiteren, landschaftsprägenden apulischen Besonderheit, der heute bei der touristischen Entwicklung der Region eine Schlüsselrolle zukommt. Es sind die masserie, die befestigten Gutshöfe, die oft versteckt in riesigen Olivenhainen liegen. Die Stallungen und Wohngebäude gruppieren sich meist um einen mächtigen Wehrturm herum. Etwa 2000 masserie gibt es in Apulien. Viele sind verfallen, in anderen werden Landarbeiter aus Nordafrika oder Albanien unter manchmal zum Himmel schreienden Bedingungen untergebracht. Immer mehr masserie aber werden aufwendig restauriert und wieder bewirtschaftet. "Agriturismo" heißt das Konzept der Verbindung von Landwirtschaft - meist Wein- und Olivenölproduktion -, Gastronomie und Hotellerie. Mit "Ferien auf dem Bauernhof" hat das wenig zu tun. Kälbchen streicheln oder Stall ausmisten stehen in der Regel nicht auf dem Programm einer masseria. Stattdessen Spitzengastronomie mit landestypischen Gerichten, Weinverkostungen, edel eingerichtete Zimmer und Suiten, absolute Ruhe, gediegene Bibliotheken und diskret in die Landschaft integrierte Pools.
Wein und Olivenöl sind die Betriebsstoffe des anspruchsvollen agriturismo. Das Öl galt schon vor Jahrhunderten als das "Gold Apuliens" Es fand nicht nur als Speiseöl Verwendung. Bis in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Petroleum seinen Siegeszug antrat, brannte apulisches Öl in den Lampen ganz Europas. Steuerliche Privilegien machten die Stadt Gallipoli zur Öllieferantin des Kontinents. In den Kellern ihrer Palazzi betrieb die städtische Aristokratie Ölmühlen. Einige sind noch zu besichtigen.
Beim Wein ist in Apulien erst in jüngster Zeit ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Noch vor 20 Jahren wurde der größte Teil der Weinernte aus 120 000 Hektar Reben nach Norditalien exportiert und dort weiterverarbeitet. Apulischen Wein gab es auf dem europäischen Markt kaum. Jetzt ist eine junge Generation von Winzern daran gegangen, Apulien vom Rohstoffproduzenten zum richtigen Weinland zu machen. Inzwischen werden jährlich rund 25 Millionen Flaschen Wein mit DOC-Prädikat produziert. Dabei setzt man vor allem auf traditionelle regionale Rebsorten wie Negroamaro und Primitivo. Eine apulische Besonderheit sind die Rosé-Weine wie der Five Roses, der Altura oder der Musivo. Mit ihnen spült man Fisch und Meeresfrüchte hinunter, die bei 800 Kilometern Küste eines der Standbeine der apulischen Küche sind. Dem Geschmack des Landes allerdings kommt man erst auf die Spur, wenn man auch die einfache bäuerliche Küche probiert. Dabei löst man sich schnell von Klischee-Vorstellungen über "italienisches" Essen. Weiße Bohnen, wildes Gemüse, Zwiebeln, Speck und Käse bestimmen diese Küche. Schieres Fleisch, Steaks oder Braten sind ihr fremd. Dafür hat jedes Dorf seine eigene salsiccia, seine eigene Wurst.
Man muss sich in Apulien Zeit nehmen zum Essen. Geht man mittags um eins zu Tisch, wird man kaum vor vier Uhr aufstehen. Bis die Pasta erreicht ist - das Nationalgericht "orchiette alle cime di rapa", öhrchenförmige Nudeln mit einem broccoliähnlichen Gemüse, hat es schon zu einer internationalen Berühmtheit gebracht - hat man schon einen langen Vorspeisen-Parcours absolviert. Immer wird es in der Vielfalt des Gebratenen, Gebackenen und Gesottenen Bohnenmus mit Zichorie, Mangold oder anderem Gemüse geben. Die Bohnen waren das Grundnahrungsmittel der Armen. Dass der Fleischgang in jeder Hinsicht nicht der Hauptgang ist, kann die Freude am Schmausen nicht trüben. Eher ist es die Aussicht, dass sich bald, so gegen acht, dem Mittags- das Nachtmahl anschließt, die dem Esser Zurückhaltung auferlegt. Leben wie Gott in Apulien heißt zunehmen. Daran führt kein Weg vorbei.
Auskunft: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Tel. 069/23 74 34.
Aus: WELT ONLINE, 7. Oktober 2006, Autor: Eckhard Fuhr.