Apulien ist das südöstliche Ende der italienischen Halbinsel und lockt mit Zipfelmützenhäusern, Stauferburgen und sonnigen Stränden
Signore Gianfranco zögert keine Sekunde: Milledue, eintausendundzwei. Exakt so viele Trulli, kegelförmige Häuser mit Kuppeldach, stünden in seinem Dorf, behauptet der Wirt des "3M", während er die Milch für den Caffè macchiato schäumt. Sein Restaurant mit winziger Stehbar liegt im Herzen von Alberobello, das wiederum im Herzen des Trulli-Landes liegt, jenem Landstrich, in dem sich ein Kegelhaus an das nächste reiht. Die Szenerie hat etwas Märchenhaftes, mit etwas Fantasie wähnt man sich im Schneewittchenland bei den sieben Zwergen - was passt besser zu einem Zipfelmützenwesen als ein Haus mit Zipfelmützendach?
Die Wahrheit ist natürlich eine andere: Die rundlichen Trulli waren die wenig komfortablen Häuser der apulischen Landbevölkerung, der Wohnraum war in der Regel nicht größer als der Stall. Gebaut wurden sie der Legende nach im 17. Jahrhundert, als die Bauern die Steuern, die auf gemauerte, viereckige Häuser zu zahlen waren, umgehen wollten. Ein frühes, offenbar erfolgreiches Steuersparmodell, denn anders ist die Vielzahl der Trulli in und um Alberobello kaum zu erklären. Eine Idee mit Langzeiteffekt, so sind die Steuerquoten in Apulien bis heute eher niedrig.
Ein Geheimtipp ist der Ort leider nicht mehr. 1996 erklärte die Unesco die Zipfelmützenhäuser zum Weltkulturerbe, seitdem fehlt Alberobello, von dem Spötter behaupten, er sei der größte Souvenirladen des Landes, auf keiner Süditalien-Rundreise. Hinter vielen dicken Trulli-Mauern haben sich Kunsthandwerker und Künstler, Souvenirshops und Weinhändler eingenistet. Gleichwohl sind gut vierzig Prozent der Trulli bis heute ganz normale Wohnhäuser.
Signore Gianfranco hält ein Faltblatt für seine Gäste bereit, das weitere Details zu den Zipfelmützenhäusern enthält. Die 1002 Trulli, steht da geschrieben, drängen sich allesamt in Monti, dem hügeligen nördlichen Ortsteil. Gleich hinter dem "3M" steigt er von der Via Indipendenza und dem Stadtpark auf. Sieben parallele Straßen, verbunden durch ein dichtes Netz von Gassen, allesamt gesäumt von den Rundbauten mit Kegeldach. Bis hoch zur Kirche, die natürlich auch in Trullo-Form errichtet wurde. Ein eindrucksvolles Bild. Hunderte von Fotoapparaten klicken tagein, tagaus vor den Fassaden.
Schon von fern erkennt man die fantasievollen Dachreiter vereinzelter Trulli, die Pinnacoli. Kommt man näher, zeigen sich oft auch die mit weißer Farbe aufgemalten Symbole auf dem dunklen Schindelgrund: Sternenkreuze, Herzen, gebogene Pfeile, ein Dreizack oder ein stilisierter Kerzenleuchter - mal christliche, mal magische, mal primitive Zeichen, je nach Wunsch und Wesen der Erbauer. Immer wieder werden die weißen Striche erneuert, auch wenn viele Zeitgenossen ihre Bedeutung heute gar nicht mehr kennen.
In Apulien finden sich die Trulli hauptsächlich im Itria-Tal, zwischen Conversarno und Gioia del Colle, in und um Putignano, Alberobello und Noci. Östlich der Trulli-Zone liegt Ostruni, das den Beinamen "la bianca" trägt, die weiße Stadt. Rund fünf Kilometer vom Saum der Adria entfernt, leuchten ihre weißen Mauern aus dem silbrigen Grün weiter Olivenhaine, die es hier wie Sand am Meer gibt. Kein Wunder: Rund die Hälfte des italienischen Olivenöls kommt aus Apulien, seine Qualität gilt als hervorragend.
Zypressen- und Pinienalleen säumen die von Norden kommende Straße, die alte Staatsstraße 16. Ein Schild weist unterwegs zur "Masseria Salamina", einem der typischen befestigten Landgüter Apuliens. In vielen dieser festungsartig ummauerten, jahrhundertealten Bauerngehöfte kann man inzwischen als Urlauber wohnen, sie bieten einige Gästezimmer an. Und in der Regel beste Verpflegung - wie zum Beispiel Rosalba Balestrazzi in ihrer mustergültig restaurierten "Masseria Il Frantoio" vor den Toren Ostunis beweist. Deftige apulische Bauernkost tischt sie auf, von der leicht bitter schmeckenden Cicoria mit Saubohnen bis zu einem würzigen Eintopf aus Innereien.
Ostuni selbst ist ein quirliger Touristenmagnet. Fast orientalisch mutet der Ort an mit seiner verschachtelten Architektur, den Mauerresten mit Rundbastionen, den Terrassen und Bogengassen, den schlichten, gekalkten Häusern mit winzigen Fenstern. Um den mittelalterlichen Kern schmiegt sich üppige barocke Pracht, bisweilen durchsetzt mit eleganter Renaissance.
Die jeweils rund 25 Kilometer Strandlinie südlich und nördlich von Ostuni sind die für den Fremdenverkehr bislang am besten erschlossenen Küstenabschnitte Apuliens. Aus dem niedrigen Wacholder- und Macchia-Dickicht öffnen sich kleine Buchten mit klarem Wasser; kräftig spritzt die Brandung an den Fels. Um die alten adriatischen Wachtürme sind neue kleine Strandorte entstanden, oft benannt nach den vormaligen Ausgucken: Torre Canne zum Beispiel oder Torre Santa Sabina. (…)
Auszug aus: WELT ONLINE, 27. Juni 2004, Autor: Rita Henß.