Apulien geizt nicht mit seinen Reizen. Vielfalt ist Trumpf im Absatz des italienischen Stiefels: Olivenhaine und Weingärten, Karsthöhlen, Kulturstädte und Küsten mit herrlichen Stränden
Garniert mit watteweißen Schäfchenwolken wölbt sich tiefblauer Himmel über der weiten, welligen Karstlandschaft der Murgie, dem Kernland Apuliens. Schon aus der Ferne, erst als heller Punkt auf einem Hügel erkennbar, bald größer und imposanter aufwachsend, beherrscht das mächtige Castel del Monte von seiner thronartigen Anhöhe die gesamte Umgebung. Je näher wir kommen, desto mehr verstehen wir den schmückenden Beinamen für die geheimnisvolle Märchenburg des Stauferkaisers Friedrich II. - "Steinerne Krone Apuliens".
Manchen Besuchern soll es an diesem Ort ganz magisch-mystisch zumute werden. Tatsächlich gibt die eigenwillige Architektur des Oktogons mit seinen acht achteckigen Türmen und somit auch achteckigem Innenhof noch viele Rätsel auf. Ein Kastell im eigentlichen Sinn war es sicher nie, sondern ein Repräsentationsbau mit raffinierter Innenausstattung und prunkvollem Lebensstil. Auch wenn die Anlage längst gründlich leer geplündert ist, umweht sie doch eine wundersame Atmosphäre. Mit etwas Phantasie kann man sich hier leicht ins Mittelalter versetzen, als höfisches Leben Castel del Monte erfüllte, Kaiser, edle Damen und illustre Gäste tafelten, tanzten und gepflegt parlierten.
Tatsächlich verbindet nahezu jede Stadt im Absatz des italienischen Stiefels etwas mit dem großen Kaiser, dessen Wiege im Schwabenland stand. In Trani war es, wo er seine zweite Gemahlin empfing, die schöne Helena; in Brindisi legten die Schiffe des Staufers zu großer Fahrt ins Heilige Land ab; und seine Trutzburg in Lecce schien für die Ewigkeit erbaut ebenso wie die Kette der Kastelle über dem leuchtend blauen Meer.
Apulien ist Genießerland - gleichermaßen in Sachen Kunst, Kultur und Kulinarischem. Gerade die ländliche, regional orientierte Küche lädt die Besucher zum Wohlfühlen ein, lullt sie mit hausgemachter Pasta und Pizza, knackfrischem Salat und Gemüse geradezu in südliches Lebensgefühl. Kenner schwärmen vom flüssigen Gold des Olivenöls, das sich höchster Qualität rühmen darf und von den nicht weniger hervorragenden Weinen der traditionsreichen Güter. Und an den Küsten kommen selbstverständlich fangfrische Meeresfrüchte auf den Tisch. Schon fast ein apulisches Markenzeichen sind die Orechiette, die wegen ihrer Form "Öhrchen" genannte Nudelspezialität, die mit Gemüse- oder Kräutersauce oder als Beilage zum Fisch-Ragout serviert wird. Überall locken einfache kulinarische Versuchungen - vielleicht für ein Picknick unter einem knorrigen, uralten Olivenbaum. Da mischt sich der Duft sonnengereifter, kleiner Strauchtomaten mit dem des Basilikums. Jetzt noch etwas würzigen Schinken oder die köstliche Salsiccia di Lecce, eine mit Nelken, Zimt und Zitronenschale abgeschmeckte Wurst, dazu etwas Rotwein, etwa einen heimischen "Troia" oder "Negromaro". Herz, was willst du mehr? Die Fischer im Hafen von Trani laufen am Nachmittag zu Höchstform auf. Lautstark preisen sie ihren noch verbliebenen Tagesfang an, denn bald schon geht es wieder raus aufs Meer. Hausfrauen und Gastronomen ziehen zufrieden mit ihren Schnäppchen heimwärts, um die Rotbrassen, Seezungen oder Tintenfische zu kulinarischen Köstlichkeiten zu veredeln.
Auch Feinschmecker in Sachen Kunst erwartet hier mit San Nicolo Pellegrino ein ganz besonderes Schmankerl: Wie über dem Wasser schwebend erhebt sich neben dem Hafen die "Königin der Küstenkathedralen" mit mächtigem Schiff und schlankem Campanile. Seit Baubeginn vor fast 1000 Jahren liegt der eindrucksvolle Kirchenbau im Wettstreit mit der Basilika San Nicola von Bari - wer ist die schönste und mächtigste im Land?
Nach diesen Respekt einflößenden Sakralbauten wirken die Trulli in und rund um Alberobello umso putziger. Wie Zipfelmützen ragen die Kegeldächer dieser seltsamen, weiß getünchten Rundhäuschen im idyllischen Itria-Tal aus dunkelgrünen Olivenhainen und Weinbergen hervor. Oft sind mehrere Trulli zu größeren Komplexen verbunden, die genug Raum für Mensch und Tier bieten. Diese aus Feldsteinen in Trockenbauweise errichteten Mini-Häuser erinnern an prähistorische Kultbauten - sie sind aber erst rund 300 Jahre alt.
In der Touristengunst stehen die Trulli ganz oben, entsprechend trubelig geht es im Sommer in der Trulli-Hochburg Alberobello zu. Mehr als 1000 dieser possierlichen Rundbauten ziehen sich hier in malerischer Unordnung die Hügel hoch. Diese architektonische Einzigartigkeit wurde 1996 von der Unesco mit dem Prädikat Welterbe geadelt. Es lohnt sich, auch einmal ziellos die weitere Umgebung zu durchstreifen, um besonders schöne Trulli-Gehöfte zu entdecken.
Und am Rande des Zipfelmützenreiches entführt das bizarre Höhlenlabyrinth von Castellana in unterirdische Märchenwelten. Tief unter dichten Olivenhainen und Mandelbaumplantagen ziehen sich gigantische Tropfsteinhöhlen entlang, mit phantastischen Steinformationen in Hallen und Gewölben wie das Feenreich der Grotta Bianca.
Überhaupt bietet der "Stiefelabsatz" unendlich viel Sehens- und Staunenswertes. Die "Citta bianca" Ostuni etwa, diese blendend weiße Hügelstadt mit ihrem orientalisch anmutenden Gassengewinkel, oder Otranto, die östlichste Stadt der Apenninen-Halbinsel, die Kunstfreunde aus aller Welt lockt: Unglaubliche 50 Meter lang bedeckt ein farbenprächtiges Fußbodenmosaik das gesamte Kirchenschiff der Kathedrale, ein Bilderbogen mit biblischen und mythologischen Szenen.
Ein Paradies für Schaulustige ist dann vor allem die Barockstadt Lecce, von der römischen Arena bis zu den geradezu aberwitzig überladenen Barockfassaden der Prachtbauten kann man sich gar nicht satt sehen, allen voran dabei die Kirche Santa Croce. In dieser Stadt kann man stundenlang Fassaden gucken und bewundern, was Lecceser Künstler so alles in den letzten Jahrhunderten aus Stein und Stuck gezaubert haben.
Doch bei all den vielen Besichtigungen findet sich auch immer wieder die Zeit für ein erfrischendes Bad in der blauen Adria. Denn wo auch immer man gerade in Apulien unterwegs ist - nie ist das Meer weit entfernt. Da reicht die Auswahl von langen, weißen Dünenstränden mit Pinienwäldern über fjordähnliche Küsteneinschnitte bis zu bizarren Felsenküsten mit kleinen Sandbuchten.
Veranstalter: Nach dem Motto "Urlaub mit Stil" und "Classico" bieten einige Spezialveranstalter eine gute Auswahl an traditionellen Gutshöfen, den typisch apulischen Masserie. Zum Beispiel:
Apulien-Reisen.de, (…) 25451 Quickborn, Telefon 04106/79 82 92, www.apulien-reisen.de (…)
Auskunft: Italienisches Fremdenverkehrsamt Enit, Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt, Tel. 069/23 74 34, www.enit-italia.de
Literatur: Kompakt, aktuell und sehr informativ: Michael Müller Verlag - Apulien, 17,90 Euro. Ausführlich für Kunstfreunde: Dumont - Apulien KunstReiseführer, 25,90 Euro. Handlich und anregend: Merian live - Apulien/Gargano, 7,95 Euro
Auszug aus:
WELT ONLINE, 7. Mai 2005, Autor: Monika Zeller.