Herrliche Strände, Olivenhaine, beste Küche, Kultur satt - wie konnte es passieren, dass wir Apulien so lange nicht beachtet haben? Sei's drum, fahren Sie einfach hin.
Das Licht am Morgen ist so hell, dass man sich beim Verlassen seines Zimmers für Sekunden hilflos wie ein Maulwurf fühlt. Doch kaum hat sich das Auge angepasst, öffnet sich dieser Blick: ein Meer aus grün-silbernen Olivenbaumkronen, das sich vom bergigen Rückgrat Südapuliens bis hinunter in die Meeresebene erstreckt. Dort verschmilzt es mit dem satten Blau der Adria. Aus den Olivenwogen blitzen hier und da schneeweiße, turmbewehrte Gutshöfe auf.
Einer davon gehört Caterina und Leonardo Petrella, die zwischen Fasano und Ostuni ihre Gäste in diesem hinreißenden Panorama empfangen. Den Hof seiner Familie haben Petrella und seine Frau in den vergangenen Jahren zu einem Agriturismo umgebaut, mit wunderbarer Hausmacherküche, mit Gemüsefeldern - und tiefgrünem Olivenöl aus eigenem Anbau. Das stammt von 500 Jahre alten Bäumen, mit Stämmen wie von Mutter Natur gemeißelt.

Die Olivenbäume sind ein Wahrzeichen Apuliens, genau wie die
spitzhütigen Trulli und das mystische Castel del Monte. Lange waren
Urlauber an diesem Wunderland achtlos vorbeigerauscht. Allenfalls
gönnten sie ihm einen Zwischenstopp bei der Anfahrt zu den
Griechenland-Fähren in den Häfen von Bari und Brindisi. Doch seit die
Flughäfen der beiden Städte von Billig-Airlines angeflogen werden, hat
sich viel geändert. "Zu uns kommen jetzt Gäste aus der ganzen Welt, aus
Europa auch schon für ein längeres Wochenende", sagt Leonardo. Er
schätzt die internationalen Besucher sehr. "Ohne sie wäre hier sicher
vieles verfallen."
Schönheit und Chancen ApuliensApulien
gehörte lange zu den klassischen Armutsregionen des italienischen
Südens. Die Emigration ganzer Generationen blutete das an Natur- und
Kulturschätzen reich gesegnete Land aus, in dem Illyrer und Griechen,
Römer und Byzantiner, Araber und Normannen, Staufer und Bourbonen in
den Gesichtern seiner Menschen wie seiner Städte Spuren hinterlassen
haben. Doch mit den Urlaubsfliegern kommen nicht nur zahlende Gäste,
sie befördern auch eine Rückbesinnung der Einwohner auf die Schönheit
und Chancen ihrer Heimat: dem Land, das eine der köstlichsten Küchen,
einen der saubersten Küstenstriche (auf 800 Kilometer Länge!) und eine
der vielfältigsten Architekturlandschaften Italiens sein Eigen nennt.
"Wir
sind froh, dass uns der Massentourismus gerade erst entdeckt hat", sagt
Lillino Silibello. Der rundliche Wirt führt ein Restaurant in Ceglie
Messapica. "So hatten wir Apulier genügend Zeit, aus den Fehlern
anderer Ferienregionen zu lernen." Silibello ist ein Verrückter mit
feinem Gaumen und Sendungsbewusstsein. Für einen besonderen Käse steht
er schon mal um sechs Uhr früh beim Schäfer auf der Matte. Was er von
seinen Beutezügen aus der Umgebung anschleppt, vollenden Mamma und
Schwester zu Meisterwerken der apulischen Küche: Polenta mit würzigen
Cardoncelli-Pilzen, Pasta mit frischem Rapsblüten-Sugo oder das
zartgrüne Saubohnenpüree mit gebackenen Süßzwiebeln.
Spätestens
zum Dessert - lauwarmes Mandelgebäck mit Weichselkirschen-Füllung -
setzt sich Silibello mit an den Tisch. Er will von seiner Philosophie
des "Kilometer Null" erzählen, der sich immer mehr seiner Kollegen
anschließen. Sie wollen Produkte der lokalen Bauern, Schäfer und Winzer
anbieten: die fast vergessene Tomatensorte "fiaschetto" etwa. Oder die
traditionellen Rebsorten Apuliens wie den schwarzen Negroamaro, den
weichen Susumaniello oder den eleganten Primitivo di Manduria.
Leidenschaft und GlückEiner von Silibellos Lieblingswinzern ist
Luca Attanasio. Er lebt in Manduria, der Wein-Hauptstadt im Süden der
Region, und ist so etwas wie ein sanfter Rebell. Gerade mal 10.000
Flaschen seines Primitivo füllt der 32-Jährige im Jahr ab, mit Hingabe,
Stolz und selbst gedruckten Etiketten. Mit verständnislosem
Kopfschütteln haben seine Kollegen reagiert, als er beschloss, den
Traubenmost nicht mehr in der Kooperative verpanschen zu lassen,
sondern in eigener Regie auszubauen. Selbst sein Vater war skeptisch.
Heute stehen beide Schulter an Schulter zwischen den Weinreben und
schneiden die Trauben ab. "Erst ihr Fremden habt uns bewusst gemacht,
dass unsere campagna nicht nur Mühsal und Frust bedeutet, sondern auch
Leidenschaft und Glück", sagt Attanasio.
Dabei können neben Land
und Meer auch Apuliens Städte verzaubern. Beim Gang durch die Ruinen
der antiken Hafenstadt Egnazia zum Beispiel begleitet einen der Duft
wilden Oreganos. Die Stadt war einst von Apuliens Ureinwohnern, den
Messapiern, gegründet worden und wurde von den Römern zur Blüte
gebracht. Im Städtchen Polignano a Mare, dessen hell gekalkte Häuschen
sich am äußersten Rand einer Felsschlucht in den Himmel recken, starrt
man mit tropfendem gelato und angehaltenem Atem über 20 Meter tief ins
Meer. Und in den Gassen von Ostuni, der "Weißen Stadt" mit ihren
maurischen Wurzeln, meint man gar die Rufe des Muezzins zu hören.
Der
Höhepunkt jedes Streifzugs durch den Stiefelabsatz aber ist Lecce,
Kapitale des apulischen Barocks. Die Paläste entlang der Via Palmieri
tragen wie die Kirchen und der Dom überschwängliche
Schnörkeldekorationen an ihren Fenstern und Fassaden. Der pure Kitsch,
doch der nüchterne Kalkstein verleiht ihnen mediterrane Eleganz. Am
schönsten ist Lecces Altstadt im frühen Abendlicht, wenn die
Häuserwände unter dunkelviolettem Himmel rosarot zu glühen beginnen.
Auf der zentralen Piazza Sant'Oronzo klingt Musik von Tamburinen und
Geigen herüber. Zu den immer schneller werdenden Rhythmen tanzen junge
Leute die Pizzica, ein uraltes Ritual, mit dem sich die Bäuerinnen
einst von Schlangenbissen und anderen Übeln befreien wollten. Von einer
römischen Säule blickt der heilige Oronzo auf das Bild prallen Lebens
zu seinen Füßen. Er ist Lecces Schutzpatron - geliebt und verehrt für
die vielen Mirakel im Wunderland zwischen den Meeren. (...)
Tipps und AdressenAnreiseAir Berlin, Tuifly, Ryanair und Lufthansa fliegen nach Bari oder Brindisi.
ÜbernachtenAm
schönsten wohnt man in den antiken Masserien des Salento, also südlich
von Bari bis zur Absatzsohle bei Gallipoli, etwa in der Masseria
Lamiola Piccola in Montalbano (...)
Wo Baden am schönsten istDie
Baia delle Zagare auf dem Gargano, die Felsbuchten zwischen Monopoli
und Santa Maria di Leuca, die Dünenstrände zwischen Savelletri und
Torre Guaceto und die Sandstrände bei Porto Cesareo, Torre Vado und
Torre Chianca.
Auszug aus stern.de , 30.4.2009, Autor: Daniela Horvath