
Goldgelbe Strände, silbergraue Olivenhaine und quirlige Orte. Apulien stillt die Sehnsucht des Urlaubers nach südlicher Sonne und heiterer Lebensart
Wer hätte das gedacht, dass der Stolz der römischen Jahrhunderte, die Via Appia Antiqua, einmal als Einbahnstraße enden würde? Kurz vor Fasano im südlichen Apulien ist es so weit: Eine verzwickte Kreuzung, ein paar völlig unleserliche Straßenschilder, und schon haben wir uns hoffnungslos verfahren. Macht nichts! Der Weg ist das Ziel: zwischen Olivenbäumen, bizarren Felsbauten und sonnendurchfluteten Weinbergen.
Schon nach wenigen Kilometern sehen wir sie wieder, die "weiße Stadt" Ostuni. Weithin leuchten die Mauern der alten Festung ins Land. Besonders in der Abenddämmerung, wenn starke Scheinwerfer die Gebäude beleuchten. Innerhalb der Mauern zeigt sich das ehrwürdige Städtchen quicklebendig. In jahrhundertealten Gewölben sind schicke Mode- und Designgeschäfte entstanden. Viele der traditionsreichen Gemäuer sind stilvoll restauriert worden. Der quirlige Mittelpunkt Ostunis aber ist die Piazza de la Libertà. Hier trifft sich die Vespa fahrende Jugend, hier holen die Mitglieder der Rentnervereinigung ihre Stühle aus dem Vereinsheim und hier bringt uns Anna aus der Bar "Centrale" den verdienten Caffè Coretto - heiß und stark, mit einem Schuss Grappa.
Von den Mauern der Stadt geht der Blick in die weite, fruchtbare Ebene auf die Quelle des apulischen Wohlstands: Oliven. Millionen Olivenbäume produzieren mehr als die Hälfte der italienischen Olivenöle. Viele norditalienische Hersteller "strecken" ihre Produkte sogar mit dem Stoff aus dem Süden. Denn das Olio d'Oliva puglia ist kräftiger, aromatischer und - weil im Ausland nahezu unbekannt - wesentlich billiger als beispielsweise das toskanische. Große Farmen, vor allem im Süden Apuliens, bringen es auf ein paar hundert Hektar Olivenbäume, kleine Landwirte, wie Salvatore Rossuni, nur auf ein paar Stämme. Früher hat der Rentner in München Autos gebaut, heute kümmert er sich mit Hingabe um 25 Olivenbäume an der salentinischen Küste.
Salvatores Stammkneipe liegt gleich neben der Kathedrale von Otranto. Hier beteten einst die Kreuzritter vor der Überfahrt ins ferne Palästina, hier findet sich ein einzigartiges Bodenmosaik, das die Schöpfungsgeschichte erzählt, und hier geht Salvatore regelmäßig zum Gottesdienst in die Krypta. Mehrere Dutzend Säulen tragen das dämmrige Gewölbe im Untergeschoss, jede einzelne davon wurde aus einem anderen Land der Erde herangeschafft.
Gleich um die Ecke wartet Lydia auf Kundschaft. Die 23-Jährige verdient sich ihr Studium als Fremdenführerin in der Burg des Stauferkaisers Friedrich II. Für 15 Euro pro Nase zeigt Lydia uns auch die ziemlich pikante Sammlung griechischer Vasen. Unter der Hand verrät sie außerdem ihren ganz persönlichen Geheimtipp für einen Sprung ins kühle Nass. Die Grotta Zinzulusa - die Lumpengrotte, eine halbe Stunde weiter südlich. Eine steile Steintreppe führt in die Tiefe zum Wasser, und während die wenigen Touristen in die malerische Tropfsteinhöhle eintauchen, mischen wir uns unter die Einheimischen und gleiten in die kristallklaren Fluten der Adria.
Auf der anderen Seite des Stiefelabsatzes liegt die quirlige Provinzmetropole Gallipoli. Der frühere griechische Handelsposten war einst der größte Hafen Apuliens. Jeden Tag liefen hier 30 mit Öl beladene Schiffe aus. Vor allem Richtung England, wo es als Lampenbrennstoff heiß begehrt war. Noch heute findet man in den prachtvollen Stadtpalästen die alten Ölpressen tief unten in den Kellergewölben. Überirdisch hätten die tonnenschweren Malsteine einen so großen Druck ausgeübt, dass die Häuser eingestürzt wären.
Die apulischen Ölbarone waren früher reiche Großgrundbesitzer, ihre Höfe - wegen der vielen Angriffe vom Meer - wehrhafte Festungen. Viele dieser so genannten "Masserien" sind heute verfallen, einige zu malerischen Hotels umgebaut worden. Zum Beispiel die Masseria "Lo Spagnuolo" aus dem 16. Jahrhundert. Wer die massiven Holztore durchquert hat, fühlt sich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit. In der ehemaligen Ölmühle des Hofes tafelt der Gast an roh gezimmerten Tischen und vergisst spätestens nach dem vierten oder fünften Gang mitzuzählen. Wer vom kräftigen apulischen Rotwein ermüdet ist, auf den warten romantische Zimmer in den ehemaligen Stallungen des Hofes. Fast meint man, im Schlaf noch das Schnauben der Tiere zu hören.
Fast schon etwas Touristenrummel ist dagegen in dem Städtchen Alberobello zu spüren. Der Ort am Ausgang des Itria-Tals ist für seine einmalige Ansammlung an "Trulli" berühmt. Diese typisch apulischen Rundbauten mit einer Vielzahl von Spitzhauben aus roh behauenen Steinen waren früher so eine Art Steuersparmodell. Kam der Eintreiber ins Dorf, wurde einfach der obere Abschlussstein entfernt. Das Dach brach in sich zusammen und der Trullo konnte nicht mehr als Immobilienvermögen berechnet werden. Eine Legende, so schön, dass jeder hier gern bereit ist, daran zu glauben.
Schöner und einsamer als in Alberobello sieht man die Trullo-Bauten im Valle d'Itria, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft. Viele werden heute noch bewohnt, sind liebevoll restauriert, und wenn's an den Verkauf geht, dann wird nicht nach Quadratmetern gerechnet, sondern nach der Anzahl der Zipfelmützen.
Vom früheren Reichtum erzählen auch die zahlreichen prachtvollen Barockstädte Apuliens. Der rötliche, weiche Sandstein der Region, die "pietra leccese", hat besonders filigrane Schnörkel und Verzierungen möglich gemacht. Ein Stil, der als "Tortenbarock" in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Nardò, vom Tourismus völlig unberührt, blieb praktisch im Originalzustand erhalten. Lecce, eine der reichsten Städte Italiens, ist dagegen prachtvoll restauriert worden. Ein kitschig-schönes Schauspiel für Touristen und Einheimische: die zahlreichen Hochzeitspaare, die auf der Piazza Duomo für Erinnerungsfotos und Videofilme posieren.
Zum nächsten Badestopp ist es nirgends weit auf dem schmalen Stiefelabsatz. Im Norden lädt die Adria, im Süden das Ionische Meer zum Sprung in die Fluten. Bei Metaponto, Otranto oder Gallipoli ziehen sich kilometerlang feine Sandstrände, die kinderfreundlich flach ins kristallklare Meer laufen. Überfüllt und brütend heiß ist es hier in der Hochsaison, einsam und badewarm im Frühling und im Herbst. Von den Touristenanlagen sieht man kaum eine Spur, sie liegen versteckt in den Pinienwäldern. Gesetze verbieten es, Hotels unmittelbar an der Küste zu errichten.
Info ApulienAnreise: Air Dolomiti bietet einen täglichen Direktflug von München nach Bari. Alitalia fliegt täglich nach Bari oder Brindisi. Die Anreise mit dem Auto dauert rund zwölf Stunden. Von München bis Ostuni sind es 1330 Kilometer. (…)
Essen&Trinken: Ristorante "Da Mimi", Marina di Patú, fangfrischer Fisch auf der schattigen Terrasse mit herrlichem Meerblick. Ristorante "Porta Nova", Ostuni, phantastische Pilzgerichte im historischen Stadttor. (…)
Auszug aus WELT ONLINE, 24. März 2002, Autor: Joachim Beck.