Auch im Kernland der Trullis in Apulien hat bescheidener Wohlstand Einzug gehalten
(…) Wenn Traditionen eine große Rolle im Leben der Apulier spielen, so ist es doch höchste Zeit, Abschied zu nehmen von manch zählebigem Klischee über den Mezzogiorno als Synonym für Unterentwicklung und Armut. Binnen weniger Jahre nämlich hat ein rasanter Wirtschaftsaufschwung das Gesicht Apuliens erstaunlich verändert. Überall schießen Industrie- und Gewerbegebiete aus dem fruchtbaren dunklen Boden, auf dem auch Olivenbäume, Gemüse, Früchte und Wein prächtig gedeihen. Viele Bauern, einst in bitterem Elend aufgewachsen, haben es heute zu einigem Wohlstand gebracht. Ein anderes Zeichen des Aufschwungs: Viele Trulli, jene kleinen, runden und mörtellosen Steinhäuser mit den zipfelmützenartigen Natursteindächern wurden zweckentfremdet restauriert. Vor allem in der Trulli-Hochburg Alberobello kommt man aus dem Staunen nicht heraus: über Nudeltrulli und Käsetrulli, Keramiktrulli und Schmucktrulli, Schnapstrulli und Schnickschnacktrulli, Eistrulli, Bäckertrulli, Bartrulli, Restauranttrulli. Auch der aufgemotzte Ferienwohnungs-, Appartment- oder Hoteltrullo wird immer populärer. Originale dieser einzigartigen Wahrzeichen sieht man fast nur noch auf dem Land, wo sie neben Olivenplantagen und Weingütern ihre ursprüngliche Funktion haben: als Lager oder Stall für Esel und Ziegen. (…)
Nur dreißig Kilometer vom rummeligen Alberobello entfernt, leuchtet Ostuni wie eine weiße Fata Morgana von drei Hügeln, und in den engen und verschachtelten Gassen rund um die Kathedrale mit ihrer eigentümlich geschwungenen Fassade meint man, mehr als einen Hauch von Orient zu spüren. Rund zweieinhalb Jahrhunderte zuvor entstand das Castel del Monte, das wie Alberobello zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Ein Bauwerk, in dem der Geist des Staufers Friedrich II. (1194 - 1250) noch heute präsent scheint. Der weltberühmte deutsche Kaiser, König von Sizilien und ausgewiesene Arabienfreund, der bei Dante in der Hölle schmort, plante selbst die grandiose achteckige Anlage, in der antike, mittelalterliche und orientalische Einflüsse wunderbar harmonieren und die wie eine steinerne Krone weithin sichtbar über Friedrichs geliebtem Apulien sitzt.
Nackte Frauen als Balustradenträger an einer Kirchenfront? Das gibt es in Lecce. An der Fassade von Santa Croce finden sich aber nicht nur diese Karyatiden der klassischen Architektur, sie ist das vielleicht vollkommenste Beispiel barocker Pracht in dieser durch und durch barocken Stadt auf dem Absatz des italienischen Stiefels. (…)
SERVICEAnreise: Alitalia fliegt von einer Reihe deutscher Flughäfen via Mailand oder Rom nach Bari und Brindisi, Air Berlin zum Beispiel bietet über das Drehkreuz Nürnberg in der Saison Flüge in die Region an. (…)
Auszug aus Berliner Zeitung / berlinonline.de, 13.09.2008, Autor: Ekkehart Eichler.